Anfang Mai 2026 in Karlsruhe (Artikel 1) und Ende Juli 2026 in Münster (Artikel 2)
Unser chinesischer Stipendiat Lin Hongwei hat das Studienjahr 2025/2026 in Münster verbracht. In zwei Texten schildert er zunächst ein Wiedersehen mit einem früheren Gastdozenten des CDIR in Karlsruhe, das er gemeinsam mit vier weiteren CDIR-Studierenden erlebt hat, und blickt anschließend, kurz vor der Rückreise nach China, auf das gesamte Jahr zurück.
Es berichtet Hongwei Lin, aktueller CDIR-Stipendiat und CDIR-Jahrgangssprecher absolvierte im Studienjar 2025/26 sein LL.M.-Masterstudium an der Universität Münster:
I. Eine Reise nach Karlsruhe voller Wärme und Überraschungen (Artikel 1)
Am 2. Mai 2026 trafen wir, fünf chinesische Studierende des CDIR (Anm. d. R. davon an vier unterschiedlichen dt. Partneruniversitäten eingeschrieben), uns am Karlsruher Hauptbahnhof mit Prof. Dr. Eike Michael Frenzel zu einem freudigen Wiedersehen. Unsere gemeinsame Geschichte begann bereits vor einem Jahr in Peking. Damals nahm Herr Frenzel trotz seines vollen Terminkalenders die weite Reise aus Deutschland nach China auf sich, um uns im Europarecht zu unterrichten. Wir verbrachten in Peking eine wunderbare Zeit zusammen. Auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland blieben wir in Kontakt. Er lud uns ein, seine Heimatstadt Karlsruhe, die als „Residenz des Rechts“ bekannt ist, im Frühling oder Sommer zu besuchen.

Von der Residenz des Rechts bis zur Basketballhalle
Am Mittag des 2. Mai nahm uns Herr Frenzel am Bahnhof in Empfang. Anschließend führte er uns in ein chinesisches Restaurant, welches wir auf der Grundlage der Online-Bewertungen guten Gewissens betreten konnten und in dem köstliche Speisen unsere Erschöpfung von der langen Reise augenblicklich linderten. Nach dem Essen begleitete er uns zu dem Hotel, das er sorgfältig für uns arrangiert hatte, damit wir uns ein wenig ausruhen konnten.
Ausgeruht und gestärkt betrachteten wir danach das Karlsruher Schloss, das Bundesverfassungsgericht, den Bundesgerichtshof und den Sitz des Generalbundesanwalts. Diese juristischen Institutionen, deren Namen wir bisher nur aus Lehrbüchern kannten, plötzlich in der Realität vor uns zu sehen, löste bei uns allen große Begeisterung aus. Am Nachmittag besuchten wir die Günther-Klotz-Anlage. Die Landschaft dort war herrlich: Als wir auf dem sogenannten Mount Klotz standen, bot sich uns der Anblick einer weiten, saftig grünen Wiese. Die sanfte Brise und das fröhliche Lachen spielender Kinder ließen uns vollkommen in diesen wunderschönen Moment eintauchen. Am Abend nahm uns Prof. Frenzel mit zum letzten Saisonspiel der PS Karlsruhe Lions. Für uns fünf war es das erste Mal, dass wir ein professionelles Basketballspiel live erlebten, und die elektrisierende Atmosphäre in der mit 3.000 Personen fast ausverkauften Halle zog jeden von uns sofort in ihren Bann.

Stadtlauf, Fußballfieber und Kunst
Zufällig fand am 3. Mai in Karlsruhe ein Stadtlauf statt, die Badische Meile über 8,88889 Kilometer, mit rund 3.000 Teilnehmenden. Quasi beiläufig schauten wir am Morgen eine Weile zu. Die Kulisse begeisterte uns so sehr, dass wir unermüdlich für jede vorbeilaufende Person klatschten. Im Anschluss folgten wir Herrn Frenzel auf den Turmberg im Karlsruher Stadtteil Durlach. Von der Aussichtsterrasse auf dem Gipfel hatten wir einen fantastischen Panoramablick über die gesamte Stadt und konnten sogar bis zum Pfälzerwald blicken. Herr Frenzel erklärte uns den Grundriss der Stadt und zeigte uns, wo er aufgewachsen ist und wo sich seine Grundschule befand.
Da er wusste, dass einige von uns große Fußballfans sind, sorgte Herr Frenzel zudem dafür, dass wir ein Spiel der Zweiten Bundesliga besuchen konnten. Als wir das Stadion betraten, waren wir völlig überwältigt von den visuellen und akustischen Eindrücken vor 30.000 Zuschauerinnen und Zuschauern, eine Erfahrung, die wir so noch nie zuvor gemacht hatten. Während des gesamten Spiels feuerten wir die Heimmannschaft, den Karlsruher SC, aus vollem Halse an und genossen dieses sportliche Spektakel in vollen Zügen. Nach dem Spiel führte uns unsere Tour zum Zentrum für Kunst und Medien (ZKM). Dort bewunderten wir sowohl jahrhundertealte Gemälde als auch moderne, technologiegestützte Kunstwerke. Den Abend ließen wir in einem sehr authentischen deutschen Restaurant ausklingen, wo wir bei traditionellen Gerichten tiefgründige Gespräche mit Herrn Frenzel führten.
Ein Abschied voller Dankbarkeit
Später am Abend verabschiedeten wir uns an jenem Ort, an dem wir uns wiedergesehen hatten, am Karlsruher Hauptbahnhof. Während Herr Frenzel auf seinem Fahrrad langsam aus unserem Blickfeld verschwand, zogen die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit bereits vor unserem inneren Auge vorbei. Jeder von uns ist Herrn Frenzel zutiefst dankbar für alles, was er für uns getan hat, und wir freuen uns schon jetzt auf das nächste Wiedersehen. Diese Reise nach Karlsruhe ist zu einer unverzichtbaren und wertvollen Erinnerung in unserem Leben geworden.
II. Ein Jahr in Münster: Rückblick vor der Abreise (Artikel 2)
Münster, den 27. Juli 2026 – Hongwei Lin, Studienjahr in Münster 2025/26.
Während ich diese Zeilen schreibe, kommt es mir noch immer unwirklich vor: Nächste Woche verlasse ich Deutschland. Vielleicht liegt es am Abschiedsschmerz, dass ich in letzter Zeit schlecht schlafe. Wenn ich im Bett liege, ziehen die Erinnerungen an dieses Jahr wie ein Film an mir vorbei, Bild für Bild.
Vom Tag meiner Ankunft in Münster ist mir vor allem der strömende Regen in Erinnerung geblieben. Am Abend schleppten meine Freunde und ich sechs große Koffer und schwere Rucksäcke zur Haltestelle gegenüber dem Hauptbahnhof, um den Bus zu nehmen. Kaum fuhr er an, rutschten die Koffer unkontrolliert durch den Wagen, und wir taumelten hinterher und wären mehrfach beinahe gestürzt. Durchnässt waren wir ohnehin längst, und mit dem widerspenstigen Gepäck sank die Stimmung auf den Tiefpunkt. Genau in diesem Moment boten uns zwei einheimische Fahrgäste nicht nur ihre Sitzplätze an, sondern hielten auch einen unserer Koffer fest. Das wärmte von innen, und selbst die Kälte auf der Haut schien etwas nachzulassen. So war mein erster Eindruck von Deutschland: ein denkbar schlechter Start, in dem mir sofort große Freundlichkeit begegnete.
In der ersten Woche danach hätte ich wegen des dichten Lernpensums, der fremden Umgebung und des ungewohnten Essens am liebsten sofort ein Rückflugticket gekauft. Ein guter Freund wettete damals mit mir, ich würde diese Zeit ein Jahr später, beim Abschied, vermissen. Ich hielt das für ausgeschlossen. Er hat die Wette gewonnen. Alles, was ich in diesem Jahr in Europa gelernt, gesehen und empfunden habe, hat zu diesem Sinneswandel beigetragen.
Fachlich habe ich in Deutschland eine systematische Ausbildung im Gutachtenstil erhalten und dadurch ein tieferes Verständnis der zivilrechtlichen Dogmatik gewonnen. Zusätzlich habe ich zwei Wahlveranstaltungen besucht, zur Plattformregulierung und zum vergleichenden Vermögensrecht. Die eine gab mir einen Einstieg in die europäische Digitalgesetzgebung, die andere einen Überblick über die vermögensrechtlichen Regelungen verschiedener europäischer Länder und deren historische Entwicklung. Nach diesem Jahr sehe ich zwei deutliche Unterschiede zwischen dem deutschen und dem chinesischen Studium. Erstens liegt die Studienplanung in Deutschland fast vollständig in der eigenen Verantwortung, während in China die Fakultät den Studierenden meist einen einheitlichen Rahmen vorgibt. Zweitens ist die Atmosphäre in deutschen Lehrveranstaltungen lebhaft: Die Studierenden melden sich bereitwillig zu Wort und fürchten dabei keine falschen Antworten. In China trauen sich viele Studierende dagegen nicht, sich von sich aus zu äußern, was womöglich mit der Bildungstradition und der Prägung durch die Schulzeit zusammenhängt. Beides hat Vor- und Nachteile, und keines der beiden Systeme ist dem anderen überlegen. Entscheidend ist, dass wir voneinander lernen.
Neben dem Studium habe ich die vorlesungsfreie Zeit genutzt, um unter anderem Frankreich, Spanien und Italien zu bereisen. Wenn Freunde mich fragen, welches europäische Land ich am meisten empfehle, lautet meine Antwort stets: Jedes ist auf seine Weise einzigartig und einen Besuch wert. Gemeint ist damit, dass jede Reise mir etwas anderes mitgegeben hat. Unterwegs haben mich nicht nur die Landschaften beeindruckt, sondern vor allem die kulturelle Prägung der einzelnen Länder und der Alltag der Menschen dort. Vor der Abreise habe ich mich jeweils über Politik, Wirtschaft, Geschichte, Kultur und Gesellschaft des Landes informiert, um vor Ort zu prüfen, ob das Gelesene mit dem Erlebten übereinstimmt. Dieses forschende Reisen hat mir ein plastischeres Bild von der Geschichte und den Lebensgewohnheiten Europas vermittelt. Alles Gesehene und Gehörte war wertvoll, weil es meinen Blick auf Fragen vielfältiger gemacht hat. Ein chinesisches Sprichwort sagt, man solle zehntausend Bücher lesen und zehntausend Meilen gehen. Lektüre und Reisen waren gemeinsam der Schlüssel, mit dem ich mir diesen zuvor fremden Kontinent erschlossen habe.
In diesem Jahr habe ich die Freundlichkeit der Menschen hier erlebt, ihre Unvoreingenommenheit und ihre Begeisterung für das Leben. Diese vielen kleinen Momente haben mich angespornt, ein besserer Mensch zu werden. Ein Passant, der mich mit dem Auto zur Apotheke fuhr, Fremde, die mir halfen, als mich ein Krampf zu Boden gehen ließ, die selbstlose Hilfsbereitschaft dahinter, die unbefangene Hingabe meiner Mitspielerinnen und Mitspieler im Frisbee-Verein an den Sport selbst, das gelassene Bild der Menschen, die am Kanal in der Sonne sitzen: All das hat mir klarer gemacht, was für ein Mensch ich künftig sein möchte.
So gerne ich diese Zeit auf gut tausend Wörtern zusammenfassen würde, weiß ich doch, dass es nicht gelingen kann. Diese Erfahrung lässt sich in keiner äußeren Form festhalten, ihre Bedeutung erschließt sich nur dem, der sie nachempfindet und für sich entdeckt. Vielleicht verblassen die Erinnerungen an das Auslandsjahr mit der Zeit. Was es bei mir bewirkt und verändert hat, wird in den kommenden Jahren wohl eher deutlicher hervortreten.
