Stipendiaten- und Alumnitreffen 2025 in Hamburg: Zwischen Recht, Erinnerung und Begegnung

Hamburg, den 12.-14. November.

Im November 2025 versammelten sich die 14 chinesischen Stipendiaten vom CDIR, die das einjährige LL.M.-Masterstudium in unterschiedlichen deutschen Partneruniversitäten des CDIR aufgenommen haben, in Hamburg. Sie haben sich auf verschiedene Universitäten verteilt – doch für drei intensive Tage kamen sie zur CDIR-Zentrale zusammen: zum gemeinsamen Austausch, zur Reflexion über Geschichte und Gegenwart und zu einer abschließenden Vortragsreihe mit dutzenden CDIR-Alumnis, die „aktuelle Herausforderungen des chinesischen Rechts“ in den Mittelpunkt stellte. Für die Vortragsreihe waren insbesondere mehrere Alumni-Professorinnen und -Professoren aus China sowie das CDIR-Direktorium nach Hamburg angereist.

Die folgenden vier Aktivitäten prägten die Stipendiatentage maßgeblich.


1. Besuch der Hamburgischen Bürgerschaft am 12. November – Demokratie erleben

Der Auftakt am 12. November führte die Gruppe in das Hamburger Rathaus, wo sie zu Gast bei den Abgeordneten der Hamburgischen Bürgerschaft waren. Gemeinsam mit den ehemaligen CDIR-Referenten Till Harnisch erhielten die Stipendiaten einen eindrucksvollen Einblick in die Funktionsweise eines deutschen Landesparlaments.

Nach einer Einführung in Geschichte, Architektur und politische Bedeutung des Hauses folgte ein Gespräch mit einem Parlamentsmitglied, das den Studierenden offen Rede und Antwort stand – zu Arbeitsweise, Entscheidungsprozessen und aktuellen politischen Spannungsfeldern. Besonders eindrucksvoll war der Besuch einer laufenden Plenarsitzung: Die Studierenden konnten parlamentarische Debatten im Original beobachten und erleben, wie demokratische Aushandlung konkret funktioniert.

Für viele Teilnehmende war es der erste direkte Kontakt mit einem europäischen Parlament – ein Moment, der die theoretischen Inhalte ihres Jurastudiums zum deutschen öffentlichen Recht mit der politischen Praxis verband; spektakulär blieb es auch danach mit der Abenddämmerung (Bild rechts).


2. Gedenkstätte Neuengamme am 13. November – Auseinandersetzung mit Geschichte

Der 13. November stand im Zeichen historischer Verantwortung. Gemeinsam mit CDIR-Referent Henry Stamer sowie den chinesischen Professoren Prof. Yuan (Beijing Normal University) und Prof. Dr. Jing Qin (Sun Yat-sen University) besuchte die Gruppe die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme am Rand Hamburgs.

Schon die Fahrt durch den kühlen Novembertag stimmte die Gruppe nachdenklich. Viele Stipendiaten hatten sich durch Filme und Literatur intensiv auf diesen Besuch vorbereitet – doch die Größe des Geländes, die Stille und die erhaltenen Gebäudestrukturen machten das Ausmaß nationalsozialistischer Verbrechen erst unmittelbar spürbar.

Der Guide führte durch die Geschichte des mehr als 40 Hektar großen Geländes, erklärte die Unterschiede zwischen Arbeits- und Vernichtungslagern und schilderte die unmenschlichen Bedingungen, denen die Inhaftierten ausgesetzt waren. Die Studierenden diskutierten Fragen der Täterbegriffe, des Opferschutzes und der juristischen Aufarbeitung – häufig mit Blick auf die Sprache, die für chinesische Gäste besondere Erläuterungen erforderte.

In der historischen Ausstellung – mit persönlichen Geschichten ehemaliger Häftlinge – nahm sich die Gruppe bewusst Zeit für individuelle Reflexion. Berührend war die Frage von Prof. Yuan nach chinesischen Opfern: Zwar gibt es keine gesicherten Nachweise für Neuengamme, doch berichtete der Guide über die Zwangsräumung des chinesischen Viertels in Hamburg während der NS-Zeit. Am Ende des Rundgangs disktuierten die Studierenden zusammen mit Herrn Stamer wie eng die deutsche Verfassungsordnung und der Art. 1 GG an die Erfahrungen dieses Unrechts anknüpft. Bedrückt, aber dankbar für die Tiefe der Erfahrung, verließ die Gruppe die Gedenkstätte – in dem Bewusstsein, dass historisches Lernen eine zentrale Grundlage juristischer Verantwortung bleibt.

Die CDIR-Stipendiaten informierten sich mehrere Stunden mit einem Guide auf dem ehemaligen Gelände des KZ-Neuengamme (Bild mitte) bevor es abends mit einigen Alumnis und dem CDIR-Direktorium auf die Hamburgische Hafenrundfahrt ging (Bild links).

3. Hafenrundfahrt – Begegnung, Austausch und hanseatischer Abend

Der Tag endete mit einer gemeinsamen Hafenrundfahrt, an der auch Prof. Dr. Hinrich Julius und Balduin Benesch als CDIR-Direktorium teilnahmen sowie mehrere aus China angereiste Alumni-Professorinnen und -Professoren.

Während Containerriesen vorbeizogen und die Elbphilharmonie in der Abenddämmerung aufleuchtete, ergänzte Prof. Julius die Erklärungen des Kapitäns durch zusätzliche juristische, wirtschaftliche und stadtgeschichtliche Hintergründe.

Der Abend bot nicht nur Erholung nach dem schweren Gedenkstättenbesuch, sondern gemeinsam mit einigen teilnehmenden Alumnis intensiven Austausch: über das Studium, über Erfahrungen in Deutschland, über die Rolle des Rechts in Gesellschaften im Wandel.


4. Vortragsreihe „Aktuelle Herausforderungen im chinesischen Recht“ – Wissenschaftlicher Höhepunkt

Am 14. November bildete die Vortragsreihe an der Universität Hamburg den fachlichen Mittelpunkt der Stipendiatentage. In den Räumlichkeiten der Universität Hamburg und im Rahmen des Alumni- und Stipendiatentreffens bot sie ein anspruchsvolles Panorama der gegenwärtigen Reformdynamik im chinesischen Recht. Im Veranstaltungsraum kamen über 40 Teilnehmer und Zuhörer zusammen.

Eröffnet und moderiert durch Prof. Dr. Hinrich Julius, zeigte die Reihe in drei großen thematischen Blöcken, wie vielgestaltig die Entwicklungen in Zivil-, Wirtschafts-, Umwelt- und Digitalrecht sind.

I. Zivil-, Arbeits- und Gesellschaftsrecht im Wandel

  • Prof. Yuan Zhijie (CDIR-Jahrgang 2004) analysierte fundamentale Neuerungen im Zivilrecht: die Akzessorietät der Hypothek, die Stärkung des Bestellers, die Reformen des Landbewirtschaftungsrechts sowie die Aktualisierung des Familienrechts (u.a. das Anfechtungsrecht bei verheimlichter Erkrankung).
  • Prof. Ding Wanjing (CDIR-Jahrgang 2012) widmete sich dem Beschäftigtenschutz in der Plattformökonomie. Sie stellte die Kriterien der Rechtsprechung zur Arbeitnehmereigenschaft dar – und erläuterte die praktischen Nachweisschwierigkeiten in digitalen Beschäftigungsbeziehungen.
  • Doktorandin Tong Shihui (CDIR-Jahrgang 2022) verglich den Schutz von Minderheitsaktionären bei Mehrstimmrechtsaktien in Deutschland und China und zeigte, wie beide Systeme versuchen, unter neuen Marktbedingungen Ausgleich und Kontrolle zu gewährleisten.

II. Internationale Wirtschaftsfragen und rechtliche Grenzbereiche

  • Rechtsanwältin Liu Ling (CDIR-Jahrgang 2005) analysierte grenzüberschreitende M&A-Transaktionen: geopolitische Hürden, strenge Prüfmechanismen und die Rolle deutscher Familienunternehmen als Übernahmekandidaten.
  • Prof. Qin Jing (CDIR-Jahrgang 2008) zeigte anhand eines Fallbeispiels die strukturelle Diskriminierung Kranker im Arbeitsrecht auf – und die Schwierigkeiten, Anti-Diskriminierungsansprüche in China erfolgreich durchzusetzen.
  • Dr. Zhao Jin (CDIR-Jahrgang 2009) adressierte ein neues Phänomen des digitalen Zivilrechts: die Rückforderung hoher Livestream-Spenden – ein Spannungsfeld zwischen gutgläubigem Erwerb und Bereicherungsrecht.

III. Umwelt- und Digitalrecht – Zukunftsthemen zwischen Staat, Markt und Individuum

  • Prof. Dr. Xie Libin (chin. CDIR-Direktor) ordnete das neue chinesische Umweltgesetzbuch ein, in dem ein Dreiecksverhältnis zwischen Staat, Verschmutzer und Opfer entsteht – inklusive zivilrechtlicher Drittwirkung von Grundrechten.
  • Doktorand, Qin Haijiang (CDIR-Jahrgang 2023) beleuchtete die gemeinsame Verantwortung der Datenverarbeitung, die wirtschaftliche Verwertbarkeit von Daten und Fragen der Vollstreckbarkeit von Datenbeständen.
  • Doktorand, Dai Junzhe (CDIR-Jahrgang 2017) analysierte die Entwicklung vom Datenschutzrecht zum Datenwirtschaftsrecht, mit einem Vergleich zwischen EU-Strategien und chinesischer Gesetzgebung.
  • Doktorandin Gong Mengyuan (CDIR-Jahrgang 2015) stellte dem deutschen UWG chinesische lauterkeitsrechtliche Strukturen gegenüber und untersuchte Informationspflichten und Irreführung als zentrale Verbraucherschutzinstrumente.

Resümee der Vortragsreihe

Mit einigen Schlussworten von CDIR-Vizedirektor Benesch zeigte die Veranstaltung eindrucksvoll, wie dynamisch das chinesische Recht auf neue gesellschaftliche und technologische Herausforderungen reagiert – und wie fruchtbar der wissenschaftliche Dialog zwischen beiden Ländern bleibt. Er bot Stipendiaten, Alumni und Professoren eine seltene Gelegenheit, Theorie, Praxis und internationale Perspektiven unmittelbar zu verknüpfen.

Zum Abschluss des Alumnitreffens kamen alle eingeladenen Alumnis etwas später zu einem gemeinsamen Abendessen im Restaurant „Yu-Garten“ in Campusnähe zusammen. Hier tauschten sich CDIR-Doktoranden, in Deutschland lebende Alumnis, die angereisten Alumni-Professorinnen und Professoren, weitere Gäste wie der sino-deutsche Rechtsforscher, Herr Prof. Benjamin Pißler, sowie die CDIR-Mitarbeiter rege aus und ließen das Treffen damit auf gelungene Weise ausklingen.


Schlussgedanke

Die drei Tage in Hamburg verbanden politische Bildung, historische Verantwortung, wissenschaftliche Tiefe und persönliche Begegnungen. Für die chinesischen Studierenden, die an deutschen Universitäten ihr Studienjahr begonnen haben, wurden diese Erfahrungen zu einem integrativen Teil ihres Aufenthalts in Deutschland – und zu einem sichtbaren Ausdruck der besonderen Rolle des CDIR im deutsch-chinesischen Austausch.